• Sandra Wagner

Die berührende Anfrage einer Krankenschwester auf einer Geburtenstation


Kürzlich erhielt ich eine Emailanfrage von einer Frau, die mich sehr berührt hat.


Es handelte sich in diesem speziellen Fall nicht um die Anfrage einer trauernden Mama, wie ich sie in den meisten Fällen erhalte, sondern um die, wie ich finde, wundervoll einfühlsame Frage einer Krankenschwester auf einer Geburtenstation.


Die Emailschreiberin bat um meinen Rat, wie sie Müttern begegnen solle, die dort auf ihrer Station lägen, oft in großer Sorge um ihr ungeborenes Kind. Wie solle sie sich verhalten, um - wie sie es beschrieb - kein weiteres Trauma in der Frau auszulösen??


Ihre Zeit als Krankenschwester sei für jede Patientin leider sehr knapp bemessen, so dass sie gar nicht die Möglichkeit hätte, so für sie da zu sein, wie sie es eigentlich gerne möchte.

Und durch die aktuelle Situation rund um Corona dürften die werdenden Mamas leider zudem kaum Besuch empfangen, maximal 45 Minuten vom Papa, wenn es denn überhaupt einen Vater gäbe, der sich kümmere...


Nun sei sie leider auch noch selbst betroffene Sternenmama und fühle so sehr mit, wenn eine schwangere Frau vor ihr im Bett liegt und verzweifelt darauf hofft, dass ihr Baby bitte noch lange in ihrem Bauch bleibt und dann hoffentlich um den Entbindungstermin herum gesund auf die Welt kommt.


Das Wort "Sternenkind" wolle sie auf dieser Station gar nicht erst aussprechen, um den Müttern nicht ihre große Hoffnung zu zerstören. Andererseits hätte sie aber auch große Probleme damit, den Frauen falsche Hoffnungen zu machen, wenn sie hinter ihrem Versprechen angesichts einer echt heiklen Situation nicht stehen könnte...


Aus der Email dieser Krankenschwester klang viel Unsicherheit, und gleichzeitig so viel Verständnis und Mitgefühl für ihre Patientinnen. Sie wollte einfach alles richtig machen, und gleichzeitig fühlte sie sich in dieser eigenen Erwartungshaltung maßlos überfordert.


Was also antworte ich jener Frau, die den Weg zu mir gesucht hat, um ihrem eigenen Wunsch gerecht zu werden, der schwangeren Frau vor ihr im Krankenbett so gut es geht beistehen zu können und ihr das bestmögliche Gefühl des Beistands zu geben, das angesichts der dramatischen Situation eben möglich ist???


Denn,... ist diese Kontaktaufnahme nicht eigentlich bereits Zeichen genug, dass es sich hier um eine Frau handelt, die wirklich von ganzem Herzen ihren Beruf ausübt und sicher ganz bestimmt "nichts falsch machen" würde - da dieses tiefe Verständnis für die schwere Situation der werdenden Mama bereits Zeugnis genug dafür ist, dass sie alles "richtig" macht?


Ich versuchte meine Gefühle dazu in Worte zu fassen und antwortete ihr:


"Liebe ...., aus deiner Nachricht spricht so viel Liebe für deine Patientinnen! Das ist sehr rührend und dafür möchte ich dir gleich am Anfang von Herzen danken. Ich finde es ganz wundervoll, dass es Menschen wie dich gibt, denen das Wohl ihres direkten Gegenübers so sehr am Herzen liegt.
Es ist eine sehr wichtige Frage, die du da stellst. Und gleichzeitig keine einfache. Wie begegnet man werdenden Mamas, die im Krankenhaus liegen und darum beten, dass ihr Baby bitte erst viel später und dann bitte unbedingt gesund geboren wird??
Puh...
Mit viel Feingefühl.
Und weil ich mir sicher bin, dass du diese Eigenschaft besitzt, ist das bereits die wichtigste Antwort.
Es gibt kein allgemeingültiges "richtig" oder "falsch" auf deine Frage. Denn jede Frau ist anders. Jede Schwangere braucht in dieser Situation etwas anderes. Die eine möchte reden, möchte vielleicht auch klare Antworten auf ihre direkten Fragen, möchte die ehrliche Meinung wissen, eine klare Einschätzung der Chancen... Eine andere braucht aber genau das Gegenteil! Zuspruch, dass ihr Baby bestimmt noch warten wird, bis es kommt, aufbauende Worte, dass sie die Zuversicht nicht verlieren darf und weiterhin fest daran glauben soll, dass ihr Kind gesund auf die Welt kommen wird!
Mein Bauch sagt mir, dass es in deiner Position am Wichtigsten ist, den Frauen Mut zu schenken: Dass sie "es" schaffen werden - und offen lassen, was dieses "es" bedeutet...
Ich würde nicht mit dem Thema "Sternenkinder" anfangen, wenn eine Frau noch zutiefst daran festhalten will, dass eine Geburt noch heraus zu zögern wäre, oder dass ihr Baby auf jeden Fall überleben wird, oder dass die Blutungen sicher wieder aufhören... Diese Hoffnung würde ich ihnen nicht nehmen, sondern sagen, dass du für sie betest, ihnen und ihr Kind nur das Beste wünscht (und auch hier offen lassen, was "das Beste" ist).
Mamas aber, die wissen, dass ihr Baby sterben wird, oder dass es sehr krank ist und außerhalb des Bauches nicht lebensfähig sein wird, denen kannst du mit deinen eigenen Erfahrungen als Sternenmama beistehen. Sagen, dass du nachvollziehen kannst, wie sie sich fühlen... Du kannst ihnen sagen, was dir damals geholfen hat, ihnen Anlaufstellen nennen (Sternenkinderfotografen, Selbsthilfegruppen, Trauerbegleiter, ...) - wenn sie für dieses Gespräch offen sind.
Es ist schwierig, alles, was man "tun könnte", in eine Nachricht zu packen, weil die Schicksale so unterschiedlich sind. Die Frauen so unterschiedlich sind, die Vorgeschichten, die äußeren Umstände...
Begegne ihnen einfach mit Herz. So wie du mir in deiner Email begegnet bist.
So wie du bist. Viel mehr musst du gar nicht tun..."

⭐ Ich möchte mich mit diesem Post heute bei all den Menschen bedanken, bei Hebammen, Schwestern, Pflegern und Ärzten, die täglich mit Sternenmamas in Kontakt kommen und immer ihr Bestes geben, um diese Frauen einfühlsam und respektvoll zu betreuen.

Ihr seid für diese Frauen die Begleiter beim ersten Schritt auf einen gesunden Trauerweg.

Eine liebevolle Betreuung, Feingefühl, Verständnis, Geduld und zum richtigen Zeitpunkt das Weitergeben von wichtigen Anlaufstellen, wenn man selbst an seine Grenzen in der Begleitung stößt, ist für Sternenmamas meiner Meinung nach das Allerwichtigste. ⭐





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