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16 Jahre später - und heute war alles wieder ganz nah.

  • Sandra Wagner
  • 28. Aug.
  • 4 Min. Lesezeit

Ich glaube, ich habe mich schon lange nicht mehr so wackelig auf meinen Beinen und in meiner Herzenskraft gefühlt wie heute. So instabil.

 

Ich wusste gar nicht wohin mit mir. Mit diesem Sturm an Gefühlen in mir und gleichzeitig dieser bedrohlichen Taubheit.

 

Heute ist der 16. Geburtstag meiner Zwillinge.

Der Geburtstag von Romy und Lenny. Meinen beiden erstgeborenen Wunschkindern. Den Kindern, die mich gleichzeitig zur Mutter und zur Sternenmama gemacht haben.

 

Der 28.8.2010 - Eigentlich nur ein Datum.

 

Und heute - 16 Jahre später.

 

Ich dachte, ich müsste das doch inzwischen können. In den letzten eineinhalb Jahrzehnten habe ich mir so viele Skills angeeignet. Ich bin meinen Trauerweg gegangen. Tag für Tag. Ich habe gelernt, mit meiner Liebe und meinem Schmerz zu leben. Ich habe mich mit meiner eigenen Endlichkeit auseinandergesetzt, mit meinen Ängsten, mit Kontrollverlust und mit der Angst des Verlusts geliebter Menschen. 

 

Ich habe alte Glaubenssätze eingerissen und aus den Trümmern neue Brücken gebaut. Ich durfte Seelenheil durch Grenzerfahrungen kennenlernen. Ich habe mich selbst von der Raupe zum Schmetterling transformiert. Ich bin durch mein eigenes Feuer gegangen und habe gelernt, aus der Asche wieder aufzustehen.

 

Ich habe mich im größten Seelenleid einer verwaisten Mutter komplett neu zusammengebaut.

 

Und heute bin ich ausgebildete Trauerbegleiterin, Dozentin, Autorin, 2. Vorständin im Sternenkinderzentrum Bayern, Gründerin und Leiterin von Sternenkinder Coburg...

 

Ich weiß so viel über Trauer.

Über all die Phasen.

Über Ressourcen.

Über Regulation.

Über Rituale.

Über das Aushalten.

Über das Annehmen.

 

Und dann kam heute.

Und nichts davon wollte ich anwenden.

Ich konnte einfach nicht.

Ich war nur traurig.

Unendlich traurig.

Und kraftlos.





Ich wollte nur am Gärtchen bei Romy und Lenny sitzen. Am Grab meiner Kinder. Den Windrädchen zuschauen, wie sie sich drehen. Die Kerzenflamme beobachten, wie sie im Wind flackert. 





Ich wollte nachdenken.

Ich konnte nicht einmal weinen. Nur denken.

Und irgendwie waren es keine guten Gedanken. Es war ein Karussell. Eine erschöpfende Gedankenschleife katapultierte mich in die nächste.

 

Und plötzlich fühlte sich dieser 16. Geburtstag nicht nach 16 Jahren an.

Sondern wieder ganz nah. Fast so, als würde ich mittendrin stehen!

 

Und das machte mir Angst.

Scheiß Angst.

 

Ich dachte, dieser Geburtstag - den schaffe ich. So wie die letzten 15 auch.

Aber dieses Jahr war es anders.

 







Mittags haben wir noch Sonnenblumen für die Babys gepflückt, bevor das Gewitter kam. Wortwörtlich. 


Wir haben ihr Gärtchen geschmückt. Kerzen angezündet. Windrädchen aufgestellt.








 

Und dann kamen so viele Nachrichten.



Von Menschen, die Romy und Lenny nie kennenlernen durften und ihnen trotzdem heute gedankt haben. Von Freunden. Von Frauen, die ich heute auf ihrem ganz eigenen Trauerweg begleiten darf. Menschen, die geschrieben haben, dass Romy und Lenny durch ihr kurzes Leben auch etwas in ihr Leben gebracht haben.


 

Und dann habe ich mir gedacht: Ja. Das ist ihr Vermächtnis. Dass aus ihrem Leben Liebe weiterfließt. Dass aus meinem größten Schmerz ein Herzensweg geworden ist. Dass ich heute andere Menschen ein kleines Stück auf ihrem Weg begleiten darf.

 

Aber trotzdem war ich heute einfach nur ihre Mama.

 

Eine Mama, die ihre Kinder vermisst. So höllisch vermisst, dass sie fast verrückt wird!

 

Wir hatten für heute Abend einen Tisch beim Mexikaner bestellt. Unsere beiden Teenie-Mädchen, die zwei kleinen Schwestern von Romy und Lenny, hatten sich schon so darauf gefreut. Sie hatten extra schicke Outfits herausgesucht - zu Ehren ihrer großen Geschwister und dieses besonderen Anlasses.

 

Und ich?

Ich lag auf der Couch. Trübselig. Schwermütig. In die Ecke starrend. Und kam nicht hoch.

 

Keine Kraft.

 

Jedes Geräusch war zu viel.

Jede Anstrengung zu groß.

 

Meine Familie versuchte mich zu überreden. Mein Mann bot irgendwann an, mit den Mädels alleine zu gehen, damit ich zuhause bleiben und in Ruhe traurig sein konnte.

 

Und plötzlich war da dieser Gedanke:

"Ich glaube aber, Romy und Lenny fänden es ziemlich cool, wenn wir heute alle zusammen mexikanisch essen gehen würden."

 

Und da war es. Nur ein Hauch. Ein ganz kleines bisschen Leben.

 

Ich stand auf.

Ging ins Bad.

Kaltes Wasser ins Gesicht.

Ein bisschen Mascara.

Ein bisschen Rouge.

 

Und dann ging ich zu meiner Familie. Mit einem mutigen Lächeln.

 

Sie haben sich so gefreut, mich wieder aufstehen zu sehen.

 

Und wir sind tatsächlich alle zusammen los. Und hatten einen schönen Abend.

Am 16. Geburtstag unserer verstorbenen Kinder.

 

Und als wir später zurück zum Auto liefen, war der Himmel golden! Und an den Dächern der Häuser hingen tatsächlich Girlanden! Und plötzlich sah es für mich aus wie eine riesengroße Party.


 

Eine Party im Himmel!

 

Und da wusste ich: Ich hatte heute alles richtig gemacht.

 

Ich war zwar nicht besonders stark. Ich hatte meine Trauer nicht „im Griff“. Ich habe keine Skills angewendet.


Aber ich habe auf mein Herz gehört!

 

Ich durfte heute wackelig sein.

Ich durfte traurig sein.

Ich durfte keine Kraft haben.

Und ich durfte mich trotzdem irgendwann für ein kleines bisschen Leben entscheiden.

 

Ich glaube, das ist Trauer.

Das ist Liebe.

 

Weil, ja ... Heilung ist gar nicht immer dieses große, strahlende „Ich bin wieder stark“. 

 

Heilung ist manchmal einfach:

aufzustehen, obwohl man eigentlich liegen bleiben wollte.

Sich Mascara ins Gesicht zu machen.

Die Hand der Familie zu nehmen.

Und gemeinsam essen zu gehen.

Während irgendwo über uns der Himmel golden leuchtet.


 




Happy Birthday, Romy und Lenny.

16 Jahre.

16 Jahre Liebe.

16 Jahre Vermissen.

16 Jahre Sternenmama.

Und 16 Jahre, in denen ihr mein Leben komplett verändert habt.

Für immer. ✨💖






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