• Sandra Wagner

Am Nikolaustag


6.47 Uhr: Ich wache auf, weil ich Geräusche aus dem Kinderzimmer der Kleinsten höre. Erster Gedanke: Es ist Nikolaus! Ich schleiche mich rennend (Ja, das geht! Als Mama in geheimer Mission geht das...) aus dem Schlafzimmer, sprinte auf Katzenpfoten die Treppen hinunter, bis in den Keller, hole die beiden prall gefüllten Nikolaussäcke aus dem Geschenkezimmer (Papas Werkstatt), renne zurück ins Erdgeschoss, schließe so leise es geht die Haustür auf, wobei der Schlüsselbund verräterisch gegen den Türrahmen klappert und drapiere flux die Säckchen vor die Haustür, direkt neben der Weihnachtsdeko. Geschafft! Erleichtert husche ich wieder hoch ins Bett, so als wäre nix gewesen und kuschle mich unter meine warme Decke, in spannender Erwartung, wie lange es wohl noch dauern wird, bis Kind Nummer 1 zu uns ins Bett kriecht und fragt, ob der Nikolaus schon da war...

7.40 Uhr: Ui, ich bin tatsächlich noch einmal eingeschlafen... Nackige Füße tappsen über den Flur. "Mami, Papi..." flüstert es, und ich kann das Lächeln in ihrer Stimme hören. Unsere große Tochter Melina kriecht zu uns unter die Decke. Sie wollte sich anschleichen aber sie stapft wie ein kleiner Babyelefant mit zu großen Füßen zu uns ans Bett und ich weiß in diesem Moment bereits, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis unsere Kleine ebenfalls zu uns kriechen wird...


7.44 Uhr: "Mama, ich bin aufgeeeeewaaaacht!" Jona macht sich bemerkbar. Melina lacht. Ich weiß, dass sie nur darauf gewartet hat, dass ihre kleine Schwester wach wird. "Ich geh rüber zu ihr, Mama!" Und schon hüpft sie aus dem Bett.

7.48 Uhr: Kichern. Fröhliches Gelächter. Ich gähne noch einmal, will mich gerade zu meinen Mann kuscheln, der noch völlig tiefenentspannt neben mir liegt, als die Tür aufgeht und beide Kinder zu mir uns ins Bett hüpfen. Jona erkämpft sich das Mama-Revier und legt sich in meinen Arm. Melina ist großzügig, da sie ja bereits in den Genuss vom Mama-Arm gekommen war und legt sich neben Jona in die Mitte. Frech übernimmt sie Papas Decke, kichert, dass er jetzt "halber nackert" wäre, und mein Mann, der schläft, oder stellt sich zumindest weiterhin so. Ich lache, sage, sie sollen Papa in Ruhe schlafen lassen und ihn wieder zudecken, kuschle mich an Jona, die so gut nach Jona riecht und nehme Melinas Hand zu mir auf Jonas Bauch. Jona kichert: "Das kitzelt!" Wir lachen alle drei. Marco schläft weiter.

7.53 Uhr: "Hat eine von euch beiden den Nikolaus heute Nacht vielleicht auf seinem Schlitten am Fenster vorbei flitzen hören?" Jona ergreift eifrig das Wort: "Ja! Ich! Und ich hab dreimal Ho Ho Ho gehört!" Melina, die Neunjährige witzelt: "Das war doch der Papa, der dreimal gepupst hat!" Ich lache. Höre Marco leise auflachen, der sich aber weiterhin schlafend stellt. Jona erwidert ganz ernst: "Nein, das stimmt nicht! Das war so ein, ... so eine, ... Christbaum-stellung!" Ich pruste laut los. "Eine was??!" Melina lacht laut. Ich schlage vor: "Eine... Nikolaus-Stimme meinst du?!" Jona lacht mit: "Jaaaha, so eine!"

7.58 Uhr: Neugierig rennen die Mädchen nach unten und öffnen die Haustür. "DER NIKOLAUS WAR DA!!"

Wir verbringen die nächste Stunde im Wohnzimmer, ich mache warmen Kaba, zünde das 2. Licht auf dem Adventskranz an und richte einen Plätzchenteller. Die Kinder spielen auf dem Boden mit ihren neuen Sachen, Melina ist total in ihren Zauberwürfel versunken und versucht die Algorithmen herauszufinden, Jona malt in ihrem Topmodelbuch, Marco kommt zu uns, schaut neugierig, was der Nikolaus Tolles gebracht hat und macht den Schwedenofen für uns an... alles ist so gut. So friedlich...

Es ist ungefähr 9.45 Uhr, als mich eine riesengroße Traurigkeit überkommt.

Ich werde richtig von ihr durchgeschüttelt. Ich sitze heulend am Küchentisch. Vor mir eine kleine Auswahl an Dingen, die ich Romy und Lenny später zu ihrem Gärtchen bringen will. Bringen MUSS. Ich bin so zerrissen und hasse es, dass ich den beiden keine Nikolaussäcke befüllen konnte, dass die beiden jetzt nicht im Wohnzimmer dabei sind, wo Marco mit seinen beiden Mädels gerade laut Musikbox hört und tanzt. Ich schaue mir den Berg an Gegenständen an, die sich im Laufe der letzten Jahre angesammelt haben, die wir für's Grab unserer Zwillinge entweder selbst gekauft oder zu Nikolaus oder Weihnachten von den Omas, oder Tanten oder anderen lieben Menschen für sie geschenkt bekommen haben. So viel Liebe auf dem Tisch vor mir, so viel Liebe in meinem Herzen, so viel Sehnsucht in unserer Familie nach unseren Zwillingen, so viel gelebte Trauer! Ich weine, habe zittrige Finger, meine Augen brennen, weil meine Wimperntusche verläuft, ich schließe sie, lege meinen Kopf auf die Tischplatte, umschließe die beiden Teddys von Romy und Lenny krampfhaft mit meinen Händen, die laute Musik dröhnt aus dem Zimmer nebenan, die Kinder lachen, mein Mann klatscht und bejubelt Jonas Hüftschwung, mein Herz klopft und mein Gesicht ist ganz heiß. "ICH VERMISSE EUCH SO SEHR BABYS!!!!" Ein Bild erscheint vor meinem inneren Auge: LENNY. Er ist schon ein großer Junge. So groß, und so hübsch! Gott, ich habe so einen schönen, großen Sohn! Er ist fast so groß wie ich, schon ein kleiner Teenie, so wirkt er, und er lächelt. Ich sehne mich so nach diesem Kind! Möchte, dass er in echt da ist! Dass er mich in den Arm nimmt, mein großer, starker, wunderschöner Sohn! Mein Weinen, das immer stärker wird, versetzt mich in eine Art Trance. Die laute Musik im Hintergrund verschluckt mein Schluchzen. Ich stelle mir vor, wie Lenny mich in den Arm nimmt. Er ist schon so groß! Mein Baby ist so ein schöner großer Junge geworden!!! Ich zittere und bebe.

"Schatz, .... ??" Mein Mann steht vor mir. Sieht den Berg an Deko für's Gärtchen. Zieht mich hoch in seine Arme. Jona kommt. Und danach gleich Melina. Sie sehen mein tränenverschmiertes Gesicht. Und die Nikoläuse und Teddys von Romy und Lenny, und die Kugeln in rosa und hellblau, und die Kerzen... und Jona fragt: "Vermisst du Romy und Lenny so sehr, Mami?" "Ja, mein Schatz. Ganz sehr..." Und sie setzt sich zu mir und streichelt den Nikolausteddy.

Und Marco sagt: "Kommt, wir spielen jetzt einmal ein Lied für Lenny!"

Und ich frage mich: Hatte ich meine Gedanken laut ausgesprochen? Sagte ich, dass gerade Lenny so nah bei mir war,...? Dass gerade ER mir in dem Moment so fehlt??

Und aus der Musikbox dröhnt ACDC. Und im 1. Moment überkommt mich Ärger, warum mein Mann jetzt so einen Scheiß spielen muss. Ich hatte das Gefühl von: Jetzt müsste doch was "Süßes" kommen! Aber dann sah ich wieder Lenny. Und er war so cool und nickte lässig und wollte genau dieses Lied von ACDC hören. Ich schloss einfach die Augen, und ließ mich auf die lauten Gitarrensounds ein und schob den Gedanken beiseite, dass das ja so gar nicht meine Musik ist, und ich spürte, dass das Lied von Lenny kam! Und dass er grinsend neben mir stand. Und schon so groß war... Und so schön! Mein starker, hübscher Sohn...!

Und dann malte Melina die Kerzen an für ihre zwei Geschwisterchen und wir packten einen Korb mit all den Dingen und fuhren gemeinsam zum Friedhof. Zu ihrem Gärtchen, das immer noch wie ein Babygärtchen aussieht...

Ein Nikolaustag mit ganz großen Gefühlen. Heute ist ein neuer Tag. Die großen Gefühle bleiben und gehen sicher auch nicht so schnell, aber die Trauer wird heute leiser sein, davon gehe ich aus... Ich kenne sie mittlerweile ganz gut. Nach 10 Jahren überrascht sie mich nicht mehr ganz so oft, ich bin schließlich auch schon "groß" geworden...


So wie meine wunderschönen Zwillinge eben auch.



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