• Sandra Wagner

Das Geschenk

Eine Geschichte aus dieser und jenen Welt



Mit gesenktem Kopf und tränengefüllten Augen läuft sie apathisch an ihrer Familie und ihren Freunden vorbei. Sie spürt streichelnde Hände auf ihrem Rücken und hört das mit Vogelgezwitscher vermischte Schluchzen von Menschen. Sie klammert sich fest an ihren Mann, während sie mit der anderen Hand einen Teddybär innig an ihre Brust drückt. Ihr Atem strömt nur flach und stockend durch ihren Körper. Ihr ist schwindelig. Doch ihre Beine tragen sie auch auf den letzten Metern, als ob sie auf Autopilot gestellt wäre, weiter.


Sie blickt nicht nach oben. Sie weiß, eine kleine Friedhofskapelle inmitten einer vom Hochsommer geschmückten Gräberidylle, würde der Ort sein, an dem sie ihren kleinen Sohn das letzte Mal sehen wird.


Sie schluchzt. Alles tut weh. Ihr Körper zerbricht beinahe unter der riesigen Last an Trauer, die sie in dieser Situation nahezu erdrückt. Ihr Mann legt schützend seinen Arm um sie.


„Wir werden das gemeinsam schaffen, Liebling“, flüstert er, während er sich zitternd eine Träne von seiner Nasenspitze wischt.


Sie nimmt den Messner am Eingang der Kapelle wahr, der betroffen zu Boden schaut und gutmütige Worte des Beileids murmelt. Sie vernimmt das Flüstern des Bestatters, der mit dem Pfarrer die letzten organisatorischen Punkte zum Ablauf der Trauerfeier bespricht. All das zieht wie in einer nebeligen Wolke aus Bedeutungslosigkeit an ihr vorbei.


Ihr Blick ist auf den Platz vor dem Altar gerichtet, an dem auf einem weinroten Satintuch mit vielen kleinen Kerzen und Rosenblättern geschmückt das Zierlichste und dennoch Mächtigste steht, was sie in ihrem ganzen Leben jemals gesehen hat: Ein kleiner, weißer Sarg. Der Sarg ihres Kindes!


In diesem Moment bricht sie zusammen. Ein heftiger Schmerz durchdringt ihre Brust wie ein Pfeil. Sie schnappt nach Luft und fasst reflexartig an ihr Herz. Der kleine Teddybär fällt zu Boden. Im selben Augenblick verliert sie das Bewusstsein.


Eine erlösende Dunkelheit bricht über sie herein und bedeckt die unerträgliche Realität mit einem gnädigen >Nichts<


...

„Was ist passiert?! Wo bin ich?“

Sie reibt sich die Augen und blickt verwirrt um sich. Ein wenig zittert sie, doch das warme Licht der Sonne, das durch das große Fenster hindurch scheint, umschließt sie.


Sie greift wie automatisch an ihr Herz. Gleichmäßig fließt der Atem durch ihren Körper und ihre Brust hebt und senkt sich bei jedem Atemzug. Ich bin also nicht tot...


„Nein, Madeleine, das bist du nicht.“


Sie hört eine vertraute Stimme lachen. Erschrocken blickt sie um sich, doch sie kann niemanden sehen.


„Papa?!“


Selbst erstaunt über diesen irrsinnigen Spontaneinfall schüttelt sie den Kopf und mahnt sich zur Vernunft. Papa… wie sollte das Papa sein können…


„Aber…Wo zum Teufel bin ich? Und wer sind Sie?? Und wo ist Martin??“


Sie steht auf und schaut sich verblüfft im Zimmer um. Sie ist alleine. Der Raum ist gemütlich eingerichtet und strahlt eine besondere Behaglichkeit aus. Eine Vase mit weißen Lilien steht auf einem Holztisch, daneben eine Karaffe mit Wasser und ein Glas. Das große Rundbogenfenster inmitten des kleinen Raumes wirkt im Verhältnis zur eher überschaubaren Dimension der Wohngröße beinahe riesig! Der leuchtendblaue Himmel direkt hinter der unglaublich hohen Fensterscheibe, scheint unrealistisch „nah“ und sie hat das Gefühl, es würde nur einen Schritt benötigen, um darin einzutauchen. Der Kontrast des strahlenden Blaus zum Weiß des Zimmers ist atemberaubend! In der Ecke des Zimmers, direkt neben der weißen Holztür, die einen Spalt breit geöffnet ist, hängt ein Windspiel aus hellem Perlmutt, dessen Klang sie in diesem Moment wieder von ihrem Erstaunen in den kleinen Raum zurückführt. Wo bin ich hier??


Verwundert läuft sie in Richtung der Tür, hinter der sie die Person vermutet, die gerade mit dieser ihr so bekannten Stimme zu ihr gesprochen hatte.


Sie hat keine Angst. Ihre anfängliche Scheu ist verschwunden und macht einem Gefühl des tiefen Vertrauens Platz. Fast fühlt sie sich, als sei sie zuhause.


Erwartungsvoll läuft sie zum Ausgang. Sie fühlt sich lebendig. Beinahe federleicht. Es erinnert sie an damals, als sie als kleines Mädchen am Sonntagmorgen immer die Treppe hinunter huschte, um ihrer Mutter beim Backen des Sonntagskuchens zu helfen. Wie hatte sie dieses Ritual geliebt und noch vor dem Familienfrühstück ihre Kinderseele mit dem Naschen von Schokoladenteig verwöhnt!


„Ich möchte dir etwas zeigen, Madeleine. Komm zu mir.“


Diese warme Stimme… Ihr Vater hatte einen ähnlich liebevollen Klang in seiner Sprache. Er war der sanftmütigste Mensch, den sie je kennengelernt hatte. Eine Engelsgeduld, versteckt in einer stattlichen, beinahe schon bärenhaften Gestalt eines großen Mannes. Sie liebte ihren Vater sehr, doch leider war er vor wenigen Jahren verstorben…


Neugierig spitzt sie durch den offenen Türspalt. Der Duft von englischen Rosen und Lavendel steigt ihr in die Nase. Sie öffnet die Tür und tritt erstaunt ein in einen bunten, fast schon paradiesisch wirkenden Garten. Der Anblick ist überwältigend, und sie bleibt für einen Moment wie angewurzelt stehen. Nie zuvor hatte sie eine so üppige Vielfalt an Blumen, Stauden, Kräutern und mächtigen Bäumen gesehen. Alles blüht und duftet im Überfluss. Es ist, als entspränge dieser verschwenderische Reichtum der inszenierten Kulisse eines Märchenfilms! Ein Schmetterling fliegt direkt an ihrem Gesicht vorbei und berührt mit seinen prächtigen Flügeln ihre Wange. Sie kichert. …das gibt es doch alles nicht!


In der Mitte des Gartens erspäht sie einen kleinen See, an dessen Ufer blaue Iris blühen. Sie läuft näher. Ein Frosch sitzt auf einem der Seerosenblätter. Er stimmt mit seinem Quaken ein in das imposante Sommerkonzert von Bienen und allerlei Singvögeln. Sie lacht und schüttelt erstaunt den Kopf. Sag mal, ich muss das doch alles hier träumen…!


Neben dem Teich, hinter hohem Bambusgras versteckt, steht ein kleiner Pavillon, der auf Madeleine sofort eine ganz besondere Anziehungskraft ausübt. Erst jetzt auf ihrem Weg zu dieser geheimnisvollen Gartenoase bemerkt sie, dass sie keine Schuhe trägt. Das weiche Gras unter ihren Füßen schenkt ihr ein entspannendes Gefühl von Freiheit und eine Empfindung des All-Eins-Seins. Sie fühlt sich nicht alleine – alles ist Eins!


Sie denkt nicht darüber nach und entlässt auch die letzten Unsicherheiten ihres misstrauischen Verstandes. Frohen Mutes steuert sie direkt auf die anziehende Laube zu. Ihre Hände streichen dabei über die aromatischen Kräuter, die überreichlich neben ihr am Wegesrand wachsen und durch ihre Berührung ein herrliches Dufterlebnis entfalten.


Als sie den Pavillon erreicht, schiebt sie erwartungsvoll einen weißen Vorhang beiseite und tritt neugierig ins Innere der Oase.


Plötzlich bleibt sie wie versteinert stehen und schnappt nach Luft!


In der Mitte des lichtvollen Gartenhäuschens, auf einem großen weißen Sitzkissen gebettet, liegt Bruno! Der kleine Teddy ihres Sohnes!


Jetzt fällt es ihr wieder ein: Leon… Seine Krankheit… Die Beerdigung… Sein Sarg… Der Stich in ihrem Herzen… Ihr Sturz….


Tränen sammeln sich in ihren Augen. Sie lässt sich auf die Knie fallen und greift sehnsüchtig nach dem vertrauten Kuschelkameraden ihres Sohnes. Sie drückt das Plüschtier fest an sich. Oh, Leon, mein kleiner Schatz!


Vor ihren Augen spielen sich Szenen der letzten Tage ab. Die Sirenen des Rettungswagens. Leon an unzähligen Apparaten angeschlossen. Das Hoffen und Bangen. Die durchwachten Nächte an seinem Bett. Die vernichtende Aussage des Arztes: „Es tut mir leid. Wir können nichts mehr für ihn tun.“ Und schließlich seine Beerdigung…


Sie heult, bebt und flucht. Zeit verstreicht und dennoch bleibt sie stehen.


Irgendwann, inmitten all ihrer tobenden Unzulänglichkeit, spürt sie plötzlich eine Linderung ihres Schmerzes, und sie kommt zur Ruhe. Sie fühlt sich sonderbar getröstet… Ein Trost, der sie in allem was sie ist, ausfüllt. Ihr ist, als würde ihr Körper, nein, ihre ganze Seele beruhigend in die Arme geschlossen. Ein Gefühl von „Alles ist gut“ durchströmt sie, vom kleinen Zeh bis in die letzte Haarspitze. All das passiert im selben Atemzug.


Sie wischt sich die Tränen aus den Augen. Ihr zweifelnder Verstand, der sich sofort zu Wort melden will, wird übertönt von einem Unübertrefflichen an Vertrauen, dem es rein gar nichts zu widersetzen gäbe.


Und blitzartig weiß sie, dass es ihrem Sohn gut geht! Sie spürt, dass er nun wieder glücklich ist und diese Freude durchströmt ihr ganzes Ich. Sie kann seine Nähe fühlen, sein Lächeln fast bildlich vor sich sehen.

Ihr ist, als hörte sie ihn sprechen, nicht laut, sondern direkt in ihr Herz hinein.


„Mama, sei nicht traurig. Denn alles ist gut. Alles ist jetzt wieder soo gut!“


In ihr erglüht plötzlich ein Wissen, das mächtiger ist, als alle Zweifel ihres skeptischen Verstandes. Sie weiß plötzlich, dass es Leon, und auch ihrem Papa, hier in dieser Welt gut geht! Und vor allem weiß sie auch, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sie alle wieder vereint sein würden.


A l l e s i s t g u t.


Es gibt keinen Zweifel in ihr, der die Wahrheit dieser wundersamen Erfahrung in Frage stellen könnte. Alles in ihr ist in diesem vollkommen unwirklichen Moment reines, pures Vertrauen.


„Bewahre dir dieses gute Gefühl im Herzen, Madeleine, und greife darauf zurück, wann immer du es brauchst“, hört sie wieder diese warme, wohlbekannte Stimme. „Es ist Teil von dir.“


Sie lächelt und nickt. „Ja… Ja, das werde ich, …Papa.“


„Madeleine! Liebling! Wach auf, bitte!“


Sie spürt, wie etwas in ihr wieder gehen möchte! Sie hört Martin, ihren Mann rufen und nimmt eine unbändige Sehnsucht wahr, die sie dorthin zurückzieht, wo sie mit Liebe erwartet und noch lange gebraucht wird.


Bevor sie aufsteht und durch den Garten ihrer Seele wieder zurückgeht, hält sie inne und spürt, wie eine wohltuende Wärme ihr ganzes Herz ausfüllt. Sie drückt das kleine Plüschtier ihres Sohnes ein letztes Mal an sich.


„Nimm Bruno mit nach Hause, Mama“,

hört sie plötzlich die klare, fröhliche Stimme ihres kleinen Sohnes. „Er soll ein Geschenk von mir sein. Für Lina.“


Voller Liebe fasst sie an ihr Herz.

„Für Lina? …wer ist Lina, mein Junge?“


„Du wirst sie in ungefähr neun Monaten kennenlernen. Und bis dahin passen Opa und ich hier noch gut auf sie auf. Alles ist gut, Mama... Bis bald.“






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