• Sandra Wagner

Familie ist Familie - ganz egal, wo die einzelnen Familienmitglieder leben

Wie ist das denn für ein Kind, wenn das Baby der Mama nicht auf die Welt kommt, so wie bei anderen Frauen, sondern im Bauch stirbt? Wie ist das denn, wenn alle anderen Freunde aus dem Kindergarten auf einmal große Schwester oder großer Bruder werden, und man selbst zwar auch schon lange ein großes Geschwisterchen ist, aber das Baby leider nie im Kinderwagen präsentieren konnte, weil es gestorben ist, bevor es von der Klinik nach Hause durfte? Und wie ist das für ein Kind, das nach einem sog. „Sternenkind“ das Licht der Welt erblickt, als sog. „Regenbogenkind“, und auf immer und ewig das kleine Geschwisterchen bleibt, das seinen großen Bruder oder seine große Schwester aber nie kennengelernt hat? Wie ist das, wenn man doch eigentlich eine Schwester ist, oder ein Bruder, aber trotzdem, so in echt jetzt, auf der Welt ein Einzelkind bleibt? Weil das Geschwisterchen halt eben tot ist.


Das ist ganz schön SCHEISSE. Soviel ist sicher.


Aber es kommt in den besten Familien vor.

Und wir in unserer Familie haben einen Weg gefunden, um "das Beste" für uns daraus zu machen. Denn wir leben „es“, als unsere Normalität, und unsere verstorbenen Kinder leben in dieser Normalität ganz normal mit uns weiter... und das macht es nicht nur für unsere Erdenkinder ein bisschen leichter.


Aber lasst mich erst einmal vorstellen:

Ich bin Sandra, Mama von vier Kindern. Unsere ersten beiden Kinder, unsere Zwillinge Romy und Lenny, sind nur wenige Stunden nach der Geburt gestorben. Aus den größten Wunschkindern aller Zeiten wurden von einer Sekunde auf die andere „Sternenkinder“ – PLOPP, und plötzlich waren wir STERNENELTERN! Ohne überhaupt zu wissen, was das bedeutet! Wir waren zerbrochen, verzweifelt, hoffnungslos, und die Lust auf ein Weiterleben mit einem Male zerplatzt. Was wollten wir denn noch hier, wo unser Lebensmittelpunkt doch bereits gegangen ist? Wozu sollten wir noch weiterleben, wo unsere Kinder doch einfach so gestorben sind??


Aber wir waren mutig. Und lebten weiter. Irgendwie. Und unser Leben bedankte sich und machte uns noch einmal zu Eltern. Elf Monate nach dem Tod unserer Zwillinge empfingen wir eine kleine Tochter, unser Adoptivbaby, unser drittes Wunder, Melina. Und gleichzeitig unser erstes Erdenkind. Weitere zweieinhalb Jahre später purzelte unser viertes Wunder in unser Leben. Jona schlich sich in meinen Bauch, und dadurch zu ihren drei großen Geschwisterchen mitten in mein Herz. Sie wurde zur kleinen Schwester von Lenny, Romy und Melina.


Da, also „da“ im Sinne von „sichtbar da“, war aber nur Melina. Und Melina hatte auch noch weitere Geschwister, die aber gar nicht Jonas Geschwister sind, obwohl Jona und Melina doch Schwestern sind. Aber Melina hat ja noch eine Bauchmama und die zwei Geschwisterchen von Melina leben gar nicht in unserer Familie, sondern in einer anderen, und die Romy und der Lenny die leben sogar schon im Himmel!

Uff, ganz schön kompliziert...


„Aber… eidentlich is des ja edal, Mama. Weil die Lomy und der Lenny tlotzdem da sind, auch wenn ich die net seh!“


Kindermund tut Wahrheit kund.

Und so hat Jona mit etwa zweieinhalb Jahren so eine große Wahrheit ausgesprochen!


Unsere Erdenkinder Melina und Jona sind die kleinen Geschwisterkinder von unseren beiden Sternenkindern Romy und Lenny. Und unser Adoptivkind ist die große Schwester von unserem leiblichen Kind. Alles ganz einfach, oder?


Denn etwas ganz Essentielles haben alle vier gemeinsam: SIE SIND UNSERE KINDER. Und das überwindet alle Barrieren, die der Mensch allein durch seine Sprache durch so viele unterschiedliche Begrifflichkeiten selbst schafft. Ob „Sternenkind“, „Adoptivkind“, „Regenbogenkind“, oder „leibliches Kind“. Alle sind unsere Kinder, und alle werden von uns gesehen, wahrgenommen, anerkannt und geliebt, bis zu den Sternen und wieder zurück, alle haben ihren ganz eigenen Platz in unserer Familie und der einzige Unterschied an diesen vier wunderbaren Kindern ist der Weg, den sie zu uns genommen haben und die Zeit, die sie als Mensch auf der Erde bleiben wollten.


Gefühlt sind wir heute eine große bunte Patchworkfamilie und ich bin sehr dankbar über jedes einzelne Wunder, das als UNSER KIND in den letzten Jahren in unser Leben gepurzelt ist und uns auf seine Art und Weise mit dem ganz individuellen Geschenk seines Seins bereicherte.


Und Melina und Jona sind wahnsinnig stolz darauf, so viele Geschwister zu haben. Vor allem Melina kommt beim Aufzählen gar nicht mehr heraus, wenn sie erst einmal losgelegt hat. Und manchmal, da schummelt Jona die beiden leiblichen Geschwisterchen von Melina auch noch zu ihren dazu – weil „eidentlich is des ja edal“ – GESCHWISTER SIND GESCHWISTER.


Und das für immer, und über alle Zeiten, Grenzen, Familien und Welten hinweg!





© 2021 by Sandra Wagner - die Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.

3 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen