• Sandra Wagner

Folgekind da - Trauer vorbei?


Außenstehende kommen leider immer wieder in den Irrglauben, eine neue Schwangerschaft sei für Sterneneltern DIE LÖSUNG, um die Trauer um das erste Kind endlich ad acta legen zu können. Spätestens mit der Geburt des gesunden Geschwisterkindes sollte sich doch auch die Trauer um das verstorbene Kind endlich in Luft aufgelöst haben.


„Plopp – neues Kind da – neues Kind gesund – Glücksgefühle – Mutterliebe – altes Kind vergessen.“


Aufatmen im Umfeld.


„Endlich kann man wieder ´normal` mit den beiden umgehen.“

„Endlich müssen wir nicht mehr mit ihnen über ihr totes Kind sprechen.“

„Endlich geht es wieder über zur Tagesordnung“


Aber, wie fühlen sich Eltern wirklich, die nach dem Tod ihres Babys wieder schwanger geworden sind und nun ein gesundes Kind im Arm halten dürfen? Ist ihre Trauer dadurch wirklich vergessen? Überwiegt das neue Glück und überdeckt das alte Leid?


Wie war das damals eigentlich bei mir??


Ich bin gerade über eine E-Mail aus dem Jahr 2012 gestoßen, als ich mein zu volles Postfach entrümpeln wollte. Damals waren meine Zwillinge Romy und Lenny seit etwa eineinhalb Jahren verstorben, unsere Folgetochter Melina war zu diesem Zeitpunkt rund 10 Monate alt.


Eine Freundin hatte mir in dieser E-Mail geschrieben, dass sie soeben ein bewegendes Gespräch mit ihrem Sohn geführt hätte. Er hätte sie gefragt, wie groß denn der liebe Gott sei? „Der muss ja riiiiesig sein, wenn er auf alle Menschen aufpassen kann!“ Meine Freundin hätte ihm geantwortet, dass er dafür doch all seine Helferlein hätte - alle seine lieben Engel, z. B. den Opa oder die Uroma… und auch die Babys von Marco und Sandra seien jetzt Engel und helfen dem lieben Gott. Alle diejenigen, die auf Erden so viel Liebe hinterlassen hätten, die dürften jetzt Helfer Gottes sein.


Meine Freundin schrieb weiter, dass es so schön gewesen sei, so unbefangen über so ein großes Thema mit ihrem kleinen Sohn sprechen zu können und dass sie dabei ganz sehr an uns und unsere beiden Babys gedacht hätte…


Ihre E-Mail beendete sie mit folgenden Worten:

„Eure Kinder werden nie vergessen sein, Sandra, und sie schicken uns, und vor allem euch, immer wieder Licht und Kraft für unsere Worte und Taten. Ich bewundere Euch für eure nach außen gezeigte Kraft und Stärke. Ihr könnt viel Gutes im Menschen bewirken. Schön, dass es Euch gibt und wir durch euch gelernt haben, wie wichtig es ist das Leben, in allem was es uns gibt, zu schätzen.“


Ich war damals (und auch heute) unheimlich gerührt von den Worten meiner Freundin. (Es war übrigens Manu, die mir diese E-Mail geschickt hatte. In meinem Buch wird sie auch an einigen Stellen erwähnt).


Ich antwortete ihr, ich wiederhole, eineinhalb Jahre nach dem Tod unserer Zwillinge und neun Monate nach der Ankunft unseres kleinen Folgewunders mit folgender E-Mail:


„tränchen kullern über meine wangen... deine worte berühren mich sehr. vielen dank für die liebe und die achtung, die du in form dieser email zu uns und somit auch zu unseren geliebten babys geschickt hast. sie werden soooooo unendlich von uns vermisst!!!!!!!!


melina ist ein riesiges paket an glück, das in form dieses kleinen wundervollen mädchens zu uns auf die erde gekommen ist. worte können nicht ausdrücken wie groß unsere dankbarkeit ist, dass sie die reise zu uns angetreten ist und uns zu ihren eltern gemacht hat.


trotz dieser unbeschreiblichen freude, die melina uns tag für tag schenkt, ist da diese traurigkeit und sehnsucht... nach unseren beiden großen kindern, unseren erstgeborenen, unseren zwillingen, unseren wunschkindern, und nun zu unseren engeln... sie sind uns so nah, und dennoch scheinen sie manchmal so unendlich weit weg zu sein. so weit, dass ich manchmal das gefühl habe, dieser schmerz zerreißt mir das herz! auch heute noch, nach eineinhalb jahren…


romy und lenny - zwei so zärtlich klingende namen, für die zwei wunderschönsten babys auf der ganzen welt... wenn ich mit melina schmuse oder sie z.b. hübsch angezogen habe, dann überkommt es mich oft zu sagen: "du bist das allerschönste mädchen auf der ganzen welt." und im selben augenblick stoppe ich diesen satz und sage dann "...das allerschönste mädchen auf der ganzen erde." weil auf der ganzen welt gibt es da ja noch ein zweites mädchen für mich, das genauso bezaubernd ist wie mein kleines erdentöchterchen melina...


es ist manchmal unheimlich schwer in diesen beiden unterschiedlichen "welten" denken zu müssen.


aber irgendwie hat das ganze auch etwas magisches. ich sehe und empfinde so viel mehr als früher! mein bewusstsein für das große ganze ist so viel stärker und größer geworden - es bereichert mich in meinem innersten, und meine seele weiß heute, dass mit dem tod nichts vorbei ist.


ich habe kinder in beiden welten... und so werde ich nie wirklich alleine sein.

danke, dass du auch nach über eineinhalb jahren noch an unsere zwei engel denkst. danke, dass ich auch heute noch mit dir weinen darf. danke, dass du uns "komplett" siehst und nicht nur den glücklichen teil, den wir seit knapp neun monaten nach außen tragen. es ist so wertvoll und gibt uns ein gutes gefühl, dass wir echte freunde haben, die uns als ganze menschen wahr- und auch annehmen. mit unserer ganzen geschichte. mit unserem ganzen glück. mit unserer ganzen trauer. eben mit unserem ganzen wesen. …wir haben euch lieb, bitte bleibt bei uns.“

Ja, genauso fühlte ich mich, damals, als Mama mit neuem Glück auf dem Arm und dieser niemals endenden Trauer im Herzen. Und so fühle ich mich auch heute noch, fast 10 Jahre nach der Geburt unserer beiden Sternenkinder.


Ich war und bin sehr dankbar, wenn Menschen mich, in ALLEM was ich bin, wahrnehmen und sehen. Wenn ich sowohl meine Freude über meine mittlerweile zwei Wunder an der Hand, sowohl meine Tränen der Trauer über meine zwei Wunder im Himmel zeigen darf.


Denn all das gehört zu mir.


Mein Glück und meine Trauer.

Meine Folge- und meine Sternenkinder.






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