• Sandra Wagner

Positiv.


26.11.2021

Am Dienstag hatte ich Geburtstag.

Am Dienstag schenkte Marco mir einen schönen Vormittag in der Stadt.

Am Dienstag wollten wir abends mit unserer Familie feiern.

Am Dienstag gingen wir deswegen in die Teststation, um mit einem guten Gefühl unsere Gäste begrüßen zu können.

Am Dienstag waren wir beide negativ.

Am Dienstag Abend kam unsere wundervolle Familie zu Besuch und wir verbrachten einen lustigen Abend zusammen.

Am Dienstag wurde ich 41 und ich schrieb am Abend meiner Freundin, wie glücklich und erfüllt ich sei.


Am Dienstag in der Nacht bekam ich Kopfschmerzen, Gliederschmerzen. Ich fror und schwitzte gleichzeitig.

Am Dienstag in der Nacht bekam ich Angst.


Am Mittwoch Morgen fühlte ich mich schlapp .

Am Mittwoch Morgen beruhigte mich mein Mann, dass es sicher nur eine Erkältung wäre.

Am Mittwoch Morgen erinnerte mich mein Mann an unseren negativen Test in der Teststation.

Am Mittwoch Morgen, als die Kinder in der Schule und mein Mann ins Büro gegangen war, machte ich einen weiteren Schnelltest.

Am Mittwoch Morgen, nur wenige Sekunden nachdem ich die Tropfen in das Testkassette geträufelt hatte, erschien ein roter Strich bei T und kurz darauf ein zweiter Strich bei C.

Am Mittwoch Morgen rutschte mein Herz in die Hosentasche.

Am Mittwoch Morgen ließ ich alles Revue passieren und dachte an die lieben Menschen, die ich gestern getroffen hatte.

Am Mittwoch Morgen wurden meine Kopfschmerzen stärker und meine Angst größer.

Am Mittwoch Morgen rief ich meinen Mann an.

Am Mittwoch morgen kam er sofort von der Arbeit zurück nach Hause und machte einen Test.

Am Mittwoch Morgen war auch sein Test gleich positiv.

Am Mittwoch Morgen rief ich meine Mama an.

Am Mittwoch Morgen begannen meine Gedanken Karussell zu fahren.

Am Mittwoch Morgen überschlug sich alles.

Am Mittwoch Morgen holten wir erst unsere kleine Tochter aus der Grundschule heraus, gleich danach unsere große Tochter aus dem Gymnasium.

Am Mittwoch Morgen noch hatten unsere Töchter in der Schule einen Corona Test gemacht und am Mittwoch Vormittag machten sie einen weiteren bei uns zu Hause.

Am Mittwoch Vormittag zeigte auch das Stäbchen unserer Kleinen sofort ein positives Ergebnis.

Am Mittwoch Morgen nahmen wir Kontakt zum Gesundheitsamt auf, zu unserem Hausarzt, zu unserem Kinderarzt, zu den Schulen der Mädchen.

Am Mittwoch wollte Melina alle paar Stunden den Test wiederholen, weil sie nicht glauben konnte, dass sie die einzige von uns ist, die negativ ist. Und weil sie Angst hatte...


Seit Mittwoch ist unsere Welt aus dem Angeln gehoben.

Seit Mittwoch leben wir wie einer Parallelwelt.

Seit Mittwoch dreht sich die Welt weiter, aber unsere ist stehen geblieben.


Und wieder ziehe ich Parallelen zu der Zeit, in der meine Kinder gestorben sind.

Wieder merke ich, jetzt in dieser schweren Zeit, wer diejenigen Menschen sind, auf die wir zählen können.

Wieder erkenne ich, jetzt in dieser Ausnahmesituation, wer zu uns steht und vorbehaltslos für uns da ist.

Ich merke wieder, wie ich mir selbst Vorwürfe mache, dass ich ES hätte verhindern müssen.

Wieder diese erdrückende Last an Gefühlen, die mir einredet, etwas falsch gemacht zu haben, meine Familie in Gefahr gebracht zu haben, obwohl mein Herz mir sagt, dass ich ES nicht hätte verhindern können.


Nun liegen wir hier, schwach und krank und müde und voller Sorgen, dass wir andere Menschen angesteckt haben könnten, obwohl wir es gar nicht gewusst hatten, dass dieses Virus in uns liegt.


Corona ist ein Arschloch.

Und auch wenn ich damit gerechnet habe, dass wir irgendwann damit infiziert werden, läuft es trotzdem wie ein Film vor mir ab, dass es nun tatsächlich bei uns angekommen ist.


Ich bete für meine Familie, dass sie verschont bleiben, und hoffe, dass wir alle bald wieder gesund sind.


Ich beende meine Texte normalerweise gerne mit einer heilsamen Botschaft, mit einem positiven Ausblick oder einen Wink in die Richtung, dass alles gut wird. Heute ist es mir nicht danach... Ich bin schlapp, ausgelaugt, mein Körper tut weh, meine kleine Tochter hat gerade gebrochen, meine Zehnjährige kämpft mit dem Stoff aus der Schule, den sie nun irgendwie verstehen muss, ohne dass ein Lehrer es ihr erklärt. Mein Mann hustet und ich sehe das Chaos in der Wohnung...


Ich weiß dass wir das schaffen werden. Ich zweifle nicht daran. Eigentlich...


Aber trotzdem fühlt sich das alles einfach nur scheiße an.

Und mein Körper schmerzt.





© 2021 by Sandra Wagner - die Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.



14 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Was, wenn...