• Sandra Wagner

Viele kleine Welten...

Ein Clownfisch, tief unten im Ozean, in einer Welt aus schillernd bunten Korallen - was weiß er über das Innere eines Storcheneis, das hoch über den Dächern unserer kleinen Stadt auf einer alten Turmspitze von seinen Eltern ausgebrütet wurde? Obwohl es bis vor Kurzem noch das Universums dieses kleinen Storchis war, der heute neugierig aus seinem Nest herauslugt - der Clownfisch ahnt davon nichts.


Die fleißige kleine Honigbiene dort, die in der wilden Schönheit der Blumenwiese ihre Heimat hat, woher soll sie von der Welt des Holzkäfers wissen, der sich eifrig durch eine Fichte im Wald frisst?


Der Floh auf dem Rücken vom langen Dackel meint, seine Welt ist spätestens an der Schwanzspitze des Hundes zu Ende. Aus, finito, danach kommt nichts!


Und was denkt der gezüchtete Wellensittich im Käfig der Zoohandlung über die Wüste, in der gerade ein Kamel gemächlich durch die gleißende Sonne trottet? Nichts. Denn nie im Leben käme er darauf, dass es eine Welt aus Sand geben könnte, in der sonderbare Wesen mit zwei Hockern herum laufen!


Und der Hai. Was würde der Hai dazu sagen, wenn er wüsste, dass es oberhalb des Wassers nicht nur Schiffe gibt, oder Surfer, oder Möwen, die ab und zu mal ihren Schnabel mutig in die See tauchen, sondern auch tiefe, saftig grüne Regenwälder, in denen sich Affen an Lianen durch die Lüfte schwingen! Der Hai würde sagen: "Nein, eine solche Welt, außer meiner hier unter Wasser, eine solche Welt kann es nicht geben!"


Und was würde der König der Lüfte sagen, der große stolze Adler, wenn er wüsste, dass es eine Welt gibt aus purem Eis, in dem ein Wesen zuhause ist, dass sich "König der Arktis" nennt? "What the fuck - ein Eisbär?! Die Arktis??! Nie gehört! Sowas gibt es nicht!!!"


Und die Ameisen, Abermillionen. Überall auf der Welt vertreten. Könnte man meinen. Aber haben sie eine Ahnung vom Lebensraum der Seepferdchen? Den Kopf immer stolz erhoben schwimmt es durch unsere Weltmeere. Aber Ameisen, Ameisen hat es dabei noch nie gesehen.


Und dann kommt der Mensch. Lebensraum Erde. König der Schöpfung.

Und da gibt es trotz all unserer Erkenntnis über all diese vielen Lebensräume auf unseren Planeten, trotz all unseres Wissens über all diese vielen kleinen Welten vereint in der unseren, tatsächlich überzeugte Ausreder unseres Glaubens, dass es keinen Ort gäbe, an dem die Engel zuhause sind?? Was??? Engel? Einen Himmel? Das gibt es nicht!!


In einer Welt, bestehend aus so vielen kleinen Welten, da ist auch ein Ort, den wir "Himmel" nennen. Oder "Ewige Heimat", oder "Jenseits". Und ich spüre, dass diese Welt gar nicht so weit weg ist, wie die Begriffe, die wir dafür finden. Ich weiß, da ist nur ein hauchdünner Schleier, der uns trennt. Und manchmal, da lichtet er sich. Und ich kann für einen kleinen Moment einen Blick erhaschen. Und sie sehen... Und spüren.... Und hören. Und wenn diese kurze magische Sekunde vorbei ist, und ich mich wieder frage, ob das sein kann, ob es diese Welt wirklich gibt, in der meine Kinder jetzt leben, dann erinnere ich mich an den Clownfisch, tief unten im Ozean, und an das Storchenkind auf den Dächern unserer Stadt... Und ich weiß, alles ist gut und Romy und Lenny leben dort weiter.


"Viele kleine Welten... in der einen lebt ihr. In einer anderen wir. Und doch gehören unsere Welten zusammen."

Romy & Lenny, *+ 2010


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