• Sandra Wagner

Vom Schokoladenglas zum Hoffnungslicht


Vor dem Bett-Bringen der Kinder, wir schauten gerade Checker Tobi zusammen, klingelte das Telefon.


Mama war dran:

"Oma ist gestürzt! Sie hat einen Oberschenkelhalsbruch. Morgen wird sie operiert."


Oh nein!


Oma ist 92. Sie lebt in einem Pflegeheim.

Erst am Sonntag erzählte Papa mir, wie gut es ihr zur Zeit gehe. Sie sei topfit, hätte eine rosige Hautfarbe, laufe viel mit ihrem Rollador herum und als er sie die Tage besucht hatte, hätte sie die ganze Zeit nur geplappert.


Wieso muss jetzt ein so blöder Unfall passieren?


Melina, meine zehnjährige Tochter, jammert:

"Nein! Die arme Oma! Die darf nicht sterben, ich hab doch nur noch eine Uroma!"


Sterben??


"Oh. Ja. Das stimmt....", denke ich bestürzt.

Das ist durchaus möglich bei dieser Diagnose, in diesem Alter.


Ich frage meine zwei Kinder, ob wir vielleicht eine Kerze für Oma anzünden wollen?


"Jaaaa! Wir können ja mein Glas nehmen, das ich in der Ferienbetreuung gebastelt habe!", schlägt meine kleine Tochter Jona sofort vor.


"Gute Idee, Schatzi. Das machen wir!"


Wir gehen hoch zum Zähneputzen und nehmen Jonas Weihnachtswindlicht mit. Eigentlich wollte sie es mir ja gerne zu Weihnachten schenken, hatte sie mir am Freitag erklärt, aber sie hatten an diesem Tag Schokoladenexperimente in der Betreuung gemacht, und die Kinder durften selbstgemachte Schokocrossies und Pralinchen mit nach Hause nehmen, und Jonas landeten alle in diesem Glas. Und das musste sie natürlich erst einmal alles verputzen. Heute ist das Glas leer geworden. Und heute funktionieren wir es um, vom Schokoladenglas in ein Hoffnungslicht für Oma.


Wir zünden ein Teelicht an. Melina schnuppert und sucht eines aus mit Vanilleduft.


Wir setzen uns in Jonas Kinderzimmer auf den Teppich. Das Licht stellen wir in unsere Mitte und nehmen uns drei an die Hände.


Jona schlägt vor, dass wir alle die Augen zumachen und uns etwas für Oma wünschen.


Melina beginnt und spricht ihren Wunsch laut aus:

"Ich wünsche mir, dass die Oma den leckeren Vanilleduft bis ins Krankenhaus riecht!"


Ich bin gerührt über Melinas so süßen, kindlichen Wunsch...

"Mama, du bist dran!", ruft sie.


Ich überlege.

"Ich wünsche mir... dass die Oma jetzt spüren kann, dass sie nicht alleine ist und dass ihr Schutzengel auf sie aufpasst... Und ich schicke ihr auch einen von meinen Engeln!"


Ich höre Jona schluchzen. Dicke Tränen fließen plötzlich über ihre geröteten Wangen.

"Ich will nicht, dass die Oma jetzt stirbt!", platzt es aus ihr heraus.


Ich nehme mein kleines Mädchen in den Arm. Melina kuschelt sich von hinten an ihre Schwester heran. "Mein kleiner Babyschatz", flüstert Melina zärtlich. Jona weint. Ich halte meine zwei Mädchen im Arm. Wiege sie hin und her.


Jona erhebt sich und wischt ihre Tränchen weg. Sie schaut in die Kerze und sagt:

"Ich wünsche mir, dass die Oma alle ihre Freunde im Himmel wiedersieht und die ganzen Menschen, die sie lieb hat!"


Stille.

Licht.

Liebe.


Ich flüstere, dass das sehr schöne Wünsche sind und die Oma bestimmt merkt, dass wir ganz fest an sie denken und sie nicht alleine ist.


Jona lächelt.


Melina kuschelt sich an Jona.

"Mein kleiner Babyschatz", sagt sie wieder.

"Ich hab dich noch nie weinen sehen!"


Ich schaue fragend.

"Du hast Jona noch nie weinen sehen, Mausi? Aber.. du siehst sie doch... regelmäßig... weinen... oder nicht?"

Ich will in diesem Moment nichts Falsches sagen.


Auch Jona ist ganz verdutzt - so verdutzt, dass sie Melina immer noch nicht weggeschubbt hat, so wie sie es normalerweise immer tut, wenn Melina mit ihr kuscheln will. Das wird ihr nämlich meist immer ganz schnell zu viel.


Melina vergräbt ihr Gesicht in Jonas langen Haaren, während sie ihre kleine Schwester noch fester herzt und an sich drückt.


"Ja, ich hab sie schon oft weinen sehen. Aber noch nie ...SO.... aus Liebe!"


Mein Herz macht einen Sprung.


Und Jona lächelt still.

Während Melina glücklich ist, endlich einmal so lange sie will ihre kleine Schwester kuscheln zu dürfen.



Wir denken an dich, Oma!


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